Freitag, 10. Dezember 2010

Weihnachtsgeschichten aus der Vergangenheit Teil 4

Ich schaute auf die Uhr und erschrack. Es war schon kurz vor 20 Uhr und ich hatte noch  eine Familie zu besuchen, bevor ich meinen letzten Weihnachtsmannauftritt bei meiner Freundesfamilie zu absolvieren hatte. Das Mädchen lag zusammengerollt, wie eine kleine Katze auf dem Sofa und schlief. Ihre Mutter schaute sie eine Weile wie aus weiter Ferne an, stand auf und deckte sie vorsichtig zu. 
Ich hatte keine Ahnung wie ich mich in einer solchen Situation zu verhalten hatte. Das hatte ich doch in der Schule nicht gelernt. Auf der einen Seite wollte ich die beiden nicht alleine lassen, aber bleiben konnte ich auch nicht. Das Mädchen Sabine tat mir einfach leid. Sie litt nicht nur am meisten unter der ganzen Sache, sie hatte wahrscheinlich die meiste Hilfe nötig. Und im elterlichen Schlafzimmer lag der besoffene Vater. Ihre Mutter bat mich zu gehen. Vorsichtig legte ich die kleinen liebevoll verpackten Geschenke der Familie auf den Gabentisch, darauf achtend die Kleine  nicht zu wecken. Vielleicht hat sie ja dann wenigstens morgen früh ihre Freude an den sicherlich schönen Sachen dachte ich mir dabei. 
Ob sie klar käme fragte ich sie noch. Ich müsse mir keine Sorgen machen. Im schlimmsten Fall würde sie schon die Polizei rufen. Aber sie dankte mir dass ich ihr wenigstens zugehört hatte. Sie bat mich aber auch, über die ganze Sache von heute bitte nicht’s im Haus zu erzählen. Wegen dem Gerede und den manchmal doch schon eigenartigen Nachbarn. Naja. Auf alle Fälle machte sie nun keinen mehr so hilflosen Eindruck wie am Anfang auf mich und mir war wirklich etwas leichter, als ich endlich die Tür hinter mir schliessen konnte.

Langsam lief ich nun die Treppe in Richtung Keller runter. Die letzte Stunde hatte mich sehr mitgenommen. Ich braucht unbedingt nun etwas für mein eigenes Wohlbefinden und erinnerte mich an die Thermoskanne voller Glühwein. Eigentlich war mir nicht mehr nach Alkohol zumute. Zudem spürte ich schon deutlich den Teil des flüssigen Giftes in mir ziemlich deutlich, den ich schon zu mir genommen hatte. Ich war echt verwirrt.

Im Keller feierten die beiden Männer ihre eigenes Weihnachten. Sie schienen mich total vergessen zu haben. Die auf dem Boden liegenden Flaschen sprachen eine deutliche Sprache. Sogar ein Aschenbecher war nun da, meine Thermoskanne allerdings auch leer. Ich brauchte aber unbedingt etwas, um das erlebte kräftig zu verdrängen. Reden konnte ich ja mit niemanden darüber. Schon garnicht mit den beiden hier. Also setzte ich mich erst einmal zu ihnen auf den Boden, nahm dankbar einen tiefen Schluck aus der mir gereichten Flasche und zündete mir eine Zigarette an. Nach dem zweiten kräftigen Schluck aus der Pulle, spürte ich diese angenehme Wärme in mir wieder aufsteigen. 
Aber nicht nur das wollte nun zielunsicher aus mir raus. Ich glaube ich war schon ziemlich blau. Einer der beiden Männer half mir schliesslich auf die Beine und beim Packen des Sackes. Zum Abschied klopfte er mir noch auf die Schulter.

„Es wird schon gut werden junger Mann. Das wird es“, und schob mich in Richtung Treppenhaus.

Wenn du wüsstest dachte ich und machte mich nun schwerfällig auf den Weg nach oben. Irgendwo in weiter Ferne hörte ich jemanden etwas rufen, verstand aber nicht wer und was gemeint war. Ich stirrte nur nach unten, hielt krampfhaft den Sack und das Gleichgewicht, setzte einen Fuss vorsichtig vor den anderen und meinen beschwerlichen Weg nach oben fort. 
Es kam mir wie eine Ewigkeit vor bis ich irgendwann und irgendwo oben ankam. Ich stellte den Sack einfach ab, weil ich nicht mehr konnte. Etwas in ihm schien den harten Aufprall nicht überstanden zu haben. Es klirrte und roch sehr verdächtig nach billigem Rasierwasser. Ausserdem bildete sich eine kleine Pfütze unter ihm. Mir war im Augenblick eigentlich alles egal und ich klingelte einfach an der Tür, vor der ich stand. Es reagierte keiner. Konnte ja nicht sein. Oder war ich doch falsch?  Also versuchte ich mein Glück an der gegenüberliegenden Klingelmöglichkeit. Eine ältere Stimme meldete sich darauf hin auf der anderen  Türseite.

„Jaaaaaha. Wer ist den da?“ Im Glauben hier richtig zu sein und mich endlich wieder etwas fangend, versuchte ich mit klarer Stimme,

„de Wein-nachtsmann vom Keller unten …“ den Rest bekam ich jedenfalls nicht mehr deutlich zusammenm was auch egal war. Die Person auf der anderen Seite der Sprachbarriere schimpfte nur laut und ich verstand ja eh nur die Hälfte wie „Frechheit“, „besoffene Jugend“ und „gleich die Polizei rufen“. Irgend so etwas in der Lage, bis ich realisierte, dass ich mich in der Etage geirrt hatte.

„Tschuldigung“, brachte ich zwischen den gepressten Zähnen noch hevor. „Muss de flasche Dühr verwischt ham…..“ 
Ja ich war nun endlich am Ende und fertig. Das Erlebte und der Alkohol ohne etwas vernünftiges im Magen zu haben, machte sich nun recht unanständig bemerkbar. Bis runter würde ich es nicht mehr schaffen. Soweit konnte ich im Augenblick noch denken. Zwar nicht klar, aber immerhin. Also beugte ich meinen Kopf über das Treppengeländer im Hausaufgang und lies der Natur und meinem Mageninhalt freien Lauf. Schlucken half ja eh nicht und aufbewahren war auch nicht mehr möglich. 
Es muss sich furchtbar angehört haben. Nicht nur der innere Kampf der Magenaufräumaktion, welcher ja nun aussen ausgetragen wurde, sondern auch der Aufprall des Organinhaltes aus dem 5 Stock irgendwo ganz unten. Keine Ahnung wo das Zeug runterfiel, aber es kam jedenfalls irgendwo auch an. Ich hörte es plätschern und kotzte mir die Seele aus dem Leib. Dabei schwor ich mir, nie wieder, wirklich nie, den Weihnachtsmann mit nüchternem Magen zu spielen. Ich war sogar bereit, gleich hier an Ort und Stelle sterben zu wollen. So schlecht war mir.

Nach einer gefühlten halben Stunde des durch das Treppenhaus reierns, fühlte ich mich nicht nur erleichtert, sondern auch auf eine gewisse Art  befreit, aber furchtbar müde. Ich setzte mich hin um zu überlegen was ich eigentlich hier mache. Dabei wischte ich mir mit dem Ärmel erst einmal nicht nunr den Schweiss von der Stirn, sondern auch die Reste aus den Mudwinkeln, welche es nicht ganz bis in den Keller geschafft hatten. Mir war wirklich nun mittlerweile alles gaga. Ich erinnerte mich irgend etwas mit „Weihnachtsmann“ und sah auch den Geschenkesack wieder etwas oberhalb auf dem Treppenpotetst stehen. Mein Erinnerungsvermögen schien sich auch wieder einklinken zu wollen, denn mir fiel die Geschenkübergabe wieder ein. Mühsam, mit der linken Hand immer in der Nähe des sicheren Stufengeländers verweilend, zog ich mein ganzes Körpergewicht nach oben, was garnicht so einfach war, wie es vielleicht für einen aussenstehenden aussah. Nachdem ich in der Reichweite des Sacke mich befand, zog ich das Teil einfach zu mir und die Pfütze von vorhin ihm nach. Dabei schepperte es noch einmal kräftig irgendwo in dem Sack und der extrem starke Duft von Rasierwasser vermischte sich mit einem noch stärkeren Duft von einem anderem Billigwasser. War mir aber sowas von  „Tüte“. Im selben Augenblick, als ich gerade mich einigermassen ausbalancierend auf allen vieren dem unterem Stochwerk nährte und den Sack hinter mir herschleifend, öffnete sich kurz vor meinem Gesicht eine Wohnungstür und ich sah zwei leicht behaarte Frauenbeine in Hauspantoffeln mit Pommeln. Zwischen ihren Beinen drang nicht nur eine warme nach Essen riechende Luft heraus, sondern auch der spärliche Lichtstrahl der Flurlampe. Ich war selber erstaunt, was ich in diesem Moment alles wahrnehmen konnte. Weiter kam ich allerdings nicht, denn alles spielte sich nun ziemlich schnell ab. Der Küchengeruch bewirkte neue Brechreize in mir, derer ich mich auf keinen Fall mehr verwehren wollte und konnte. Im selben Augenblick schrie eine Frauenstimme hystrerisch auf und die Tür vor meiner Nase zu. Dabei war ich noch nicht einmal ganz auf meinen Beinen.

Ich glaube es war der Fussabtretter, den ich diesmal als Ziel meines Unwohlseins auserwählte. Allerdings war ja das schlimmste schon überstanden und es war nur eine bittere Feuchtigkeit, welche sich einen anderen, freien Platz suchte. Es dauerte wieder einen Augenblick bis ich mich nicht nur gesammelt hatte, sondern ohne fremde Hilfe auch auf den Füssen stand. Interessanterweise hielt ich dabei sogar den Judesack in der linken Hand umklammert. Die rechte suchte jenen Klingelknopf der verschlossenen Tür, verfehlte aber um ein paar Zentimeter zu meinem Pech ihr Ziel. Denn genau in dem Augenblick als ich Halt suchend mich an der Eingangstür abstützen wollte, gab diese nach, weil sie von innen geöffnet wurde und ich dadurch der vollen Länge nach wieder nach vorne fiel. Nur diesmal genau in den Wohnungsflur jener Familie, einem etwas kräftigeren Mann als ich es gerade war, so ziemlich vor die Füsse. Seinen Blick konnte ich allerdings nicht genau deuten, deswegen versuchte ich es auf die freundliche Art.
„Hano. Isch Weihnachtmann komm von unten…bin blau.“
„Das sehe ich“, sprachen die zwei kräftig behaarte Hände, welche mir ziemlich schnell und unsanft nach oben, in eine senkrechte menschen würdigere Position verhalfen. Dabei polterte es ein drittes Mal an diesem Abend in meinem Sack und irgendein letzter Rest einer Flüssigkeit machte sich auch aus dem Staub. Vom Winde verweht so zu sagen. Aber das spielte nun keine Rolle mehr. Handgreiflich wurde besagter Wohnungseigentümer zwar nicht, aber deswegen verstand ich auch nicht mehr was er mir alles für grobe Sachen an den Kopf warf. Ich nickte nur und versuchte meine nun wirklich nicht mehr ganz stubenrein riechende Weihnachtsmannmontur einigermassen in Form zu bringen und nickte weiter. . Was hätte ich auch anderes machen sollen?  Schliesslich nahm ich den Judesack, leerte ihn vor die Füsse im Flur des verdutzten Mannes aus und versuchte noch einen freundlichen Weihnachtswunsch zu formulieren und verlies einigermassen aufrecht wandelnd die Wohnung. Wobei ich allerdings die ganze Breite des Flures für mich in Anspruch nahm.

Unten im Keller war nun auch Ruhe. Kein Mann mehr da, welcher mir hätte helfen können. Um so mehr Bierflaschen und andere Trostspender in flüssiger Form, sowie die restlichen Geschenke für die Freundesfamilie. Ich hatte auch keine Ahnung wie spät es mittlerweile genau war.


Den Schluss jener Weihnachtsepisode gibt es dann am Wochenende. Wünsche euch allen noch einen wunderschönen Start ins Wochenende.


robe

Kommentare:

  1. Ich weiß ja nicht ob ich jetzt lachen oder mit dir schimpfen soll. Sicher hast du damit den Leutchen doch ganz schön ihr Fest vermiest oder?
    Nun warte dann mal das Ende der geschichte ab.

    LG Shoushou

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  2. Ich habe grade lauthalz gelacht. Man so nen Weihnachtsmann hätt ich nicht haben wollen, aber was will man machen bei so vielen Jobs. man lernt ja aus Erfahrung. Nun weisste eins Essen ist wichtig wenn man anderen Gutes tun möchte.hahahahaha
    schönes We Dir und jaaa her mit dem Abschluss, kann es noch schlimmer werden ? Und wie sind die Nachwirkungen. Lol

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  3. Ach shoushou.

    Du weist doch selber, dass es zwecklos ist mit "kleinen" jungs zu schimpfen, wenn sie auf "Durchgang" schalten. Ausserdem berufe ich mich in diesem Fall auf die "Verjährungsfrist". ;-)
    habe mir aber wirklich noch keine Gedanken darüber gemacht, was gewesen wäre, wenn. Also ob man gerade in der DDR den Weihnachtsmann hätte verklagen können. Wäre wahrscheinlich ein wenig albern und wiedersprüchlich gewesen. :)

    Wènsche dir nochmals einen schönen 3. Advent.


    LG robe

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  4. Hallo Bianca.

    Das mit dem Essen weis ich eigentlich schon länger. Zumindest, dass es Leib und Seele, egal in welcher Situation gut zusammenhält. ;-)
    Erfahrung machen ist ja auch die eine Seite. Aber diese dann auch entsprechend umsetzen, oder gar anwenden die andere. Das macht doch erst am Ende die "männliche" Vernunft aus. ;-) Oder nich? :)

    Dir auch noch ein entsprechendes WE, sowie auch einen schönen 3. Advent.



    LG robe

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