Donnerstag, 9. Dezember 2010

Weihnachtsgeschichten aus der Vergangenheit Teil 3

Warum? 

Also ich stellte mir diese Frage öfters. Vorallem, wenn ich echt nicht mehr weiter wusste, oder zumindest das Gefühl hatte mich gleich übergeben zu müssen. Aber hier lag der Fall etwas anders. Ok., mir war wirklich schlecht. Aber ich wusste ja auch noch wieso. Nur warum ist gerade auch hier das Leben manchmal so ungerecht? Warum muss gerade eine allein erziehende Mutter mit einem Kleinkind zu Hause, gerade am Weihnachtsabend noch bis in die Nacht arbeiten? Gab es da nicht andere Möglichkeiten? Hätten nicht andere Kollegen einspringen sollen, oder können? Ich wusste es nicht. Wahrscheinlich musste ich selbst durch die Weihnachtsmannmaskerade einen ziemlich hilflosen Eindruck gemacht haben. Jedenfalls schien auch hier das kleine Mädchen meine Gedanken zumindest erahnen zu können.

„Mama ist Krankenschwester und für eine Kollegin eingesprungen, die Zuhause ihr krankes Kind pflegen muss. Aber dafür darf ich solange aufbleiben, bis sie wieder zurück ist, damit wir noch gemeinsam den Weihnachtskuchen anschneiten können.“ 

Und während sie mir, dem wildfremden Weihnachtsmann das so verständnisvoll erzählte, schien sich eine kleine Tränne in ihren freundlichen Augen zu bilden.
Sie lehnte ihren Kopf wieder bei ihrer Oma an, als wenn sie schlafen wollte.  Dieses Kind tat mir nicht nur leid, ich bewunderte sie auch wegen ihrer Grösse und Stärke. Ja. Ich oller Esel hatte wirklich Respekt vor diesem kleinem Kind. Natürlich wollte ich jetzt auch ein braver Weihnachtsmann zu ihr sein und sie wenigstens einmal in den Arm nehmen können. Also fragte ich sie, ob sie sich einmal auf meinen Schoss setzen würde und mir vielleicht ein schönes Weihnachtsgedicht aufsagen könnte.
Erst nachdem die Oma ihr freundlich zunickte, kam sie zögerlich auf mich zu. Ich hob sie vorsichtig hoch, um sie auf meinen roten Kittel abzusetzen. Leicht verunsichert schaute sie zuerst ihre Grosseltern an und mir dann ganz tief und fest in die Augen. Diesen Blick werde ich nie vergessen. Es lag soviel Angespanntheit, aber auch Wissen darin, dass ich beinah selber angefangen hätte zu heulen. Und das wegen einem Kind. Sie kam aber auch hier ihrer Verpflichtung ganz brav nach, sagte mir ihr Weihnachtsgedicht auf, um gleich von meinem Schoss wieder runter zu springen,  Zuflucht bei ihrer Oma suchend. Ich musste hier raus. Und das auf dem schnellsten Weg. Also tat ich was der echte Weihnachtsmann auch an meiner Stelle getan hätte. Ich lies das Buch Buch sein, zog ganz vorsichtig zwei grosse Kartons aus meinem Judesack, um sie ihr zu überreichen. Wie sie strahlte und sich freute. Es war einfach nur wunderschön. Am liebsten hätte ich noch gewartet bis sie die beiden grossen Geschenke auspacken würde, aber ich war ja der Weihnachtsmann und wusste demnach was sich darin befand. Ausserdem wollte ich diese kleine Lebensinsel der Harmonie und Freude nicht weiter stören.  Natürlich bedankte ich mich auch bei den Grosseltern entsprechend, denn besagte Hausfrau hatte auch für sie eine Kleinigkeit mit dazugelegt. Ich war mir absolut sicher, dass sie dennoch das schönste Weihnachten im ganzen Haus hier haben werden.

Nachdem ich wieder draussen im Treppenaufgang stand, brauchte ich einen Augenblick, um mich wieder zu sammeln. Das Erlebniss mit dieser Familie, mit diesem Kind hatte mir sehr zugesetzt, mich an meine Kinderweihnachtstage irgendwie erinnert. Ich konnte mich garnicht mehr richtig entsinnen, ob wir jemals als ganzer Familie diesen Tag gemeinsam erlebten. Zumindest in dieser beruhigenden und warmen, menschlichen Atmosphäre. Ich musste weiter.

Abermals versuchte ich es nun bei der jungen Frau, welche zwei ausgewachsene männliche Probleme in ihrer Wohnung hatte. Ich klingelte und eine in Trännen aufgelöste Frau öffnete mir. Heute schien wirklich nicht mein Tag zu sein. Lag es nun an mir, dass alle mit Wasser in den Augen hier rumliefen oder was? Sie nickte nur und machte mir den Weg in ihre Wohnung frei. Ich lief auch gleich ins Wohnzimmer und war sehr überrascht ein total ruhiges, ganz abwesendes Mädchen so um die 6 Jahre zu erleben. Es schien als wenn die ganze Tragödie welche ihre Mutter wahrscheinlich gerade durchgemancht hatte sie gar nicht stören würde. Sie war viel zu sehr mit ihrem Puppen beschäftigt, als das sie mich sogar wahrgenommen hätte. Langsam wunderte mich eigentlich garnichts mehr und ich wollte auch nicht wissen, was heute noch auf mich zukommen würde.

Die Mutter schloss die Wohnzimmertür ganz leise, wischte sich ihre Augen trocken und rief dem Mädchen mit leicht gebrochener Stimme zu:“…Bienchen schau mal wer noch gekommen ist. Willst du nicht wenigstens Hallo dem Weihnachtsmann sagen?“

„Hallo“, gab sie auch nur kurz in meine Richtung, um sich weiter mit ihren Puppen zu beschäftigen. Dabei sah sie mich nicht einmal richtig an. Ich war fast Luft für sie. Ich der Weihnachtsmann!
Ihre Mutter schien meine Verwirrung zu bemerken und bat mich deswegen einfach nur Platz zu nehmen. Und dann fing sie an zu erzählen. Es sprudelte nur so aus ihr heraus und ich hörte einfach zu.

Ihr Mann hatte sie wegen einer anderen verlassen, da war das Kind gerade mal drei Jahre. Am Anfang kümerte er sich garnicht um die beiden, zahlte nicht einmal den Unterhalt. Sie lies sich daraufhin scheiten und versuchte nun ihrer seits ein neues Leben mit ihrer Tochter sich wieder aufzubauen. Sie lernte auch einen neuen Mann kennen, was allerdings auch nicht lange hielt. Wahrscheinlich lag es an ihr. Sie weis es nicht mehr so genau. Jedenfalls hatte sie nun des öfteren Männer zwar an ihrer Seite, aber die blieben nie bis zum Frühstück.  Vor ca. einem Jahr dann lernte sie Steffan kennen. Er arbeitete bei ihr auch in der Abteilung und fand sie auch sehr nett. Am Anfang war es nicht einfach. Er lag auch in Trennung und ihre Tochter wollte keine fremden Männer mehr sehen. Sie reagierte immer dann so agressiv und abweissend. Sie brauchten beide viel Geduld. Aber Steffan hatte diese und verstand sich mit der Zeit auch mit dem Kind ausgezeichnet. Und dann plötzlich stand ihr Ex Mann wieder vor der Tür, wollte aufeinmal nicht nur seine Tochter sehen und besuchen dürfen., er wollte einfach wieder zurück zu „seiner“ Familie. Es gab deswegen immer öfters Streit. Vorallem auch, weil der Ex immer erst spät abends und angetrunken hier erschien. Die Kleine lernte plötzlich ihren leiblichen Vatter bewusst kennen, wurde dadurch hin und her gerissen. Und mittendrinn sie und ihr Steffan. Ausgerechnet heute am Heiligabend, wo sie wieder etwas Zeit füreinander hatten und sich auf ihr kleines Familienglück hätten freuen können, tauchte unverhofft ihr total angetrunkener geschiedener Mann hier auf, um Weihnachten mit seiner Tochter feiern zu wollen. Steffan wollte die Polizei rufen, aber sie wollte es wegen dem Kind nicht. Und so entspannte sich eine agressive Atmosphäre, an desen Ende ihr neuer Freund seine Sachen nahm und ging. Ihr Ex Mann sichtlich überzeugt und zufrieden mit seinem Ergebnis legte sich gleich anschliessend ins ehemals gemeinsame Schlafzimmer, um seinen Rausch auszuschlafen. Da würde er immer noch liegen. Sabine, so hies das kleine spielende Mädchen, zog sich einfach zurück und spielte seit dem mit ihren alten Puppen „Familie“.

Die Frau sah nicht nur müde aus, sondern war auch sichtlich mit den Nerven am Ende.
Ihre kleine Tochter stand plötzlich neben uns, zupfte mich am Ärmel.

„Du Weihnachtsmann. Kannst du nicht den Steffan wieder meiner Mama und mir zurückbringen? Mami, ich habe Durst.“
 Ihre Mutter fing gleich wieder an sich die feuchten Augen mit einem Tuch zu trocknen.

„Natürlich mein Engelchen bekommst du was. Soll ich dir einen heissen Kakao machen? Möchten sie auch etwas trinken?“, wand sie sich an mich.

„Ein Kaffee wäre vielleicht jetzt nicht schlecht.“ Sie ging aus dem Zimmer und ich war mit dem Mädchen alleine.

„Weihnachtsmann“, und dabei schaute sie mich direkt an. „Du Weihnachtsmann. Weist du, eigentlich habe ich den Papa gar nicht mehr lieb. Immer wenn er kommt, schreit er nur rum und Mama weint dann die ganze Zeit. Bei Steffan konnten wir wenigstens immer so schön Lachen. Du kannst ruhig meine Geschenke wieder mitnehmen. Die will ich nicht. Aber bitte mach, das Steffan wieder zu uns zurück kommt. Bitte.“ Sie drehte sich einfach um, summte ein Kinderlied und spielte mit ihren Puppen „Familie“ weiter.

Ich glaubte es nicht was ich heute alles erleben musste. Am Ende kam ich mir selber wie in einem Weihnachtsmärchen vor, indem ich gleich aufwachen würde, weil alles nur ein Traum war. Ein böser zwar, aber ein Traum. In der Zwischenzeit kam ihre Mutter aus der Küche zurück. Sie palancierte auf eine Tablett drei Tassen mit den heissen Getränken, stellte sie auf den kleinen Tisch ab.

„Bienchen. Möchtest du auch ein paar Plätzchen dazu? „ Zu mir gewandt:“die müssen sie unbedingt probieren, die haben wir letzte Woche zu dritt gebacken.“ Dabei schüttelte es sie total und wie bei einem Dammbruch, brach es aus ihr heraus. Ich konnte nicht anders, nahm sie einfach stumm in den Arm und lies sie weinen. Einfach weinen…..

An dieser Stelle leider eine kleine Pause. Jedenfalls für diejenigen unter euch, die hier lesen. Bis bald wieder.

robe



Kommentare:

  1. hallo Rolf
    Du hättest schrifsteller werden sollen, der obig teil der Geschichte hat mich jetzt richtig nachdenklich gemacht und auch etwas traurig.
    Du bringst deine Geschichte hier fantastisch rüber, ja man kann sogar mitfühlen ................. ich weis gar nicht wie ich meine gedanken hier in wore fassen kann denn die fehlen mir ................ irgendwie.

    Bin schon ganz gespannt wie es weitergeht.......
    wird der Weihnachtsmann den Steffan wieder zurück bringen ????????
    schreib weiter ich will es jetzt wissen.
    Bis demnächst th

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  2. Boh , Du hast diesen Job nur einmal gemacht.Jetzt hat man ne Vorstellung davon was sich die ganzen studenten anhören müssen. Oje, da schätzt man den Heiligeabend wenn man den im Kreis einer instanten Familie feiern kann.
    Das ist krass, nun lechze ich schon nach mehr ...
    Lg Bianca

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  3. Hallo Thomas.

    Danke für die "Blumen".Mich freut es, wenn es wenigstens zum Teil so ankommt. Vielleicht kannst du dir vorstellen, wie es mir damals in etwa zumute war. Dichterische Freiheiten sind ja erlaubt. Aber bei solchen Geschichten brauche ich nicht's dazulegen. Eher vielleicht sogar "mehr" weg lassen. Die Realität, sieht oftmals viel trauriger und schlimmer aus, als man es selber sich vorstellen mag. Natürlich wird es noch mindestens eine entsprechende Geschichte geben. Die ist allerdings für mich jedenfalls weniger "schön". Aber damals war ich ja ...ich darf garnicht daran denken. Jedenfalls noch relativ jung und ziemlich ungezähmt. ;-)
    Dir noch ne schöne auspendelnte Woche. ;-)


    robe



    PS: Was machen eigentlich deine klienen "Kunstwerke"? Und diesmal meine ich nicht die Fotografie. ;-)

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  4. Nabend Bianca.


    Naja. Eigentlich habe ich diesen Job sogar insgesammt drei Mal gemacht. Aber die beiden anderen zwei Mal waren dagegen schon fast wie ein Besuch im Altenheim. Das war "Phsycho" pur hier hingegen. Nicht nur für meinen armen männlichen Körper damals, sondern vorallem für meine arme unschuldige, kindliche Seele. dabei bin ich ja eigentlich auch "ohne" Vater aufgewachsen. Aber man denkt immer die eigenen Probleme sind schon der Hammer. Nur soll es ja auch noch andere Menschen ausser einen selber mit ihren Sorgen und Nöten auf der Welt geben. Man vergisst sowas manchmal viel zu schnell. Ich bestimmt nicht mehr.

    Schönen Abend noch.

    robe

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